Begegnungen – Spuren

Heinz Bartkowski
Kurator Neuer Kunstverein Aschaffenburg


"Raumspuren" nennt Christian Rudolph einen wichtigen Teil seiner Arbeiten, und nennt als Inspiration dazu die Leuchtspur, die eine in der Dunkelheit bewegte Lichtquelle für kurze Zeit hinterlässt. Diese Bewegung in der Zeit festzuhalten ist das Ziel dieser Werkgruppe. Eine andere Reihe seiner Plastiken trägt den Titel "Zum Licht", schlanke, zum Himmel strebende Arbeiten, die in ihrer scheinbaren Schlichtheit beeindrucken – aber das ist ja auch eines der erklärten Ziele des Künstlers: Einfachheit, Exaktheit und Nachvollziehbarkeit. "In der Einfachheit steckt soviel Kompliziertes, das man gar nicht einfach genug sein kann. Je überladener eine Form ist, desto weniger sieht man das Wesentliche."

Burghard Müller-Dannhausen geht in seinem Beitrag ausführlich vom kunsthistorischen Standpunkt auf die Charakteristika und bildhauerischen Qualitäten der Arbeiten Christian Rudolphs ein. Deshalb möchte ich hier einen sehr persönlichen Beitrag leisten, einem hoch geschätzten Freund Referenz erweisen.

Kennen Sie dieses Gefühl, Glück im Leben gehabt zu haben, ja, immer wieder neu zu erfahren? - nicht nur temporäres Empfinden von Glücksgefühlen wie Verliebtsein, Genießen, Träumen, sondern andauernde, tiefe, über-lebens-wichtige Erfahrung von Glück, die aus der Begegnung mit einem Menschen resultiert, und dazu führt, dass das eigene Leben reicher wird.

So geht es mir mit Christian. Ich bin froh und dankbar, dass wir uns kennen, Freunde sind. Seit wir uns begegnet sind schätze ich ihn und seine Arbeit, seine Ernsthaftigkeit, sein Streben nach Perfektion in Technik und Erscheinen seiner Plastiken. Wir, der Neue Kunstverein Aschaffenburg, haben seine durch ihre Schönheit, ungewöhnliche Formgebung und daraus resultierende Dynamik bestechenden Werke schon sehr früh in unserem Haus gezeigt, weil sie uns in ihrer Aussage und Qualität  überzeugt haben, und wir der Meinung waren und sind, dass Christian Rudolphs Arbeiten einem großen Publikum gezeigt werden müssen. Wir sind stolz und glücklich darüber, dass eines seiner großen Wandobjekte aus Stahl in unserem schönen Innenhof hängt. Und wenn ich nach dem Stress des morgendlichen Weges zur Arbeit, der Hektik des Straßenverkehrs, den Gedanken über mögliche bevorstehende Katastrophen das Tor zu unserer Einfahrt öffne, begrüßt mich Christians Arbeit, die wir zusammen dort gehängt haben, lädt mich ein in den Hof, für einen Moment der Besinnung, des Innehaltens, des Eintauchens in einen anderen Raum, eine andere Welt.

Spuren hat er auch bei mir zu Hause hinterlassen: eins werdend mit dem Eiche-Fachwerk der alten Scheune zum Wohnhaus, so als ob sie schon immer da waren, streben drei seiner Plastiken "zum Licht", empfangen mich nach der Arbeit. Als Christian und ich sie anlässlich einer Ausstellung dort anbrachten, war ich verblüfft über die unerwartet positiven Reaktionen der Bewohner des kleinen Spessartdorfes, in das ich gezogen war: nicht einer fragte nach dem Sinn, äußerte Unverständnis, im Gegenteil: sie erreichten bei den ‚einfachen’ Menschen genau das beabsichtigte Ziel, in ihrer Einfachheit, Exaktheit und Nachvollziehbarkeit zu überzeugen.
Und so verwundert es auch nicht, dass seine aus drei ineinander verschränkten, zu einer Einheit verbundenen Quadraten bestehende Arbeit „Würfeldurchdringung“, die von meinem Garten, rot leuchtend, ein weithin sichtbares Signal aussendet, immer wieder bewundert wird, ja vielleicht sogar aus dem selben Grund besucht wird, aus dem ich sie erworben habe: für einen Moment im Alltag Glück zu empfinden, Freude darüber, dass es Menschen gibt wie Christian, die uns diese Erfahrung schenken.

Danke.